Während ich sein Zimmer aufräumte, entdeckte ich eine Reisetasche unter dem Bett, ordentlich mit meinem Namen beschriftet. Neugierig und verwirrt öffnete ich sie. Darin befand sich ein Sparbuch mit Aufzeichnungen über kleine, aber regelmäßige Einzahlungen aus mehreren Jahren. Darunter lag eine gefaltete Geburtstagskarte in Leos sorgfältiger Handschrift. In der Karte erklärte er, dass er heimlich gespart hatte, um mich nach dem Tod seines Vaters versorgen zu können. Seine scherzhafte Antwort am Vorabend, schrieb er, sei nur sein unbeholfener Versuch gewesen, seinen Plan zu verbergen, bis er den richtigen Moment dafür gekommen sah. Während ich las, verschwammen die Worte vor meinen Augen. Mir wurde bewusst, wie sehr Trauer und Angst meine Sichtweise verzerrt hatten – und wie sehr er sich Gedanken um meine Zukunft gemacht hatte.
Als Leo an jenem Abend nach Hause kam, wartete ich nicht auf Erklärungen.
Ich empfing ihn an der Tür und entschuldigte mich mit zitternder Stimme, als ich ihm dankte. Ich sagte ihm, wie stolz sein Vater auf den Mann gewesen wäre, der er wurde. In diesem gemeinsamen Moment verstanden wir beide, wie leicht Trauer die Kommunikation stören kann und wie Liebe still existieren kann, selbst wenn sie nicht perfekt zum Ausdruck kommt. Von da an entschieden wir uns für Ehrlichkeit statt für Annahmen, stellten uns gemeinsam unseren Sorgen und unterstützten uns gegenseitig, während wir uns an das Leben ohne den Menschen gewöhnten, den wir beide so sehr vermissten. Das Haus trug noch Spuren der Trauer, aber es fühlte sich nicht mehr leer an. Es fühlte sich stabiler an – geborgen durch das Verständnis, dass Familie nicht nur die gemeinsame Vergangenheit ist, sondern auch die Entscheidung, zusammenzuhalten, wenn die Zukunft ungewiss erscheint.